23. März 2020

10 Fragen an Sonja, Lateinamerika-Korrespondentin für den Spiegel & Gründerin BuzzingCities Lab

Liebe Freunde der ad hoc,

über den Job, unser Hobby oder durch Zufall lernen wir Menschen kennen, die uns mit ihrer Arbeit, ihrem Engagement und/oder ihrer Person so beeindrucken, dass wir sofort anderen davon erzählen wollen. Mit unserem neuen, aus 10 Fragen bestehenden Interview-Format schreiten wir daher zur Tat und stellen diese Menschen und ihre Projekte vor.

Unsere zweite Interview-Partnerin ist Sonja Peteranderl in Mexico.

Sonja Peteranderl. Copyright: Jacobia Dahm

1. Wer bist du?

Ich bin Lateinamerika-Korrespondentin für den Spiegel in Tijuana, Mexiko, und Gründerin des BuzzingCities Lab, eines Think Tanks, der den Einfluss von Digitalisierung auf Sicherheitspolitik, Kriminalität und urbanen Wandel untersucht. Ich habe für den Spiegel vorher als Redakteurin im Ressort Netzwelt gearbeitet, war Senior Editor beim Wired Germany Magazin und habe davor mehr als zehn Jahre als freie Auslandskorrespondentin für Medien wie Der Spiegel, Zeit Online, Süddeutsche Zeitung, Tagesspiegel und Impulse berichtet, unter anderem aus Lateinamerika, USA, China.

Fokus meiner Berichterstattung sind vor allem Außen- und Sicherheitspolitik, Technologie, Organisierte Kriminalität und Cybercrime – wie mexikanische Kartelle und Drogenkrieg und die Nutzung digitaler Tools durch Kriminelle, Gangs und Gewaltprävention, die Probleme von Predictive Policing, digitale Gewalt in Form von Überwachung durch Spionagesoftware, oder Terrorismus und Internet wie digitale Anti-Terror-Strategien. Als Kellen-Stipendiatin des American Council on Germany erforsche ich zudem kontroverse Algorithmen/Predictive Policing-Projekte im Polizei- und Sicherheitsbereich.

2. Wofür setzt du dich in Deinem Leben ein?

Mir ist es wichtig, mit meiner journalistischen Arbeit etwas zu verändern, zumindest die Perspektive, im besten Fall wird ein Misstand tatsächlich behoben. Meine Recherchen sind selten positive Geschichten, auch wenn ich versuche, mit konstruktiver Perspektive zu berichten.
Im Rahmen der Projekte des BuzzingCities Lab, das ich zusammen mit meiner Kollegin Julia Jaroschewski gegründet habe, analysieren wir den Einfluss von Technologie auf Sicherheitspolitik und Organisierte Kriminalität in Megacities und zeigen dabei immer wieder die Abgründe von gescheiterter Sicherheitspolitik auf, wie Polizeigewalt und außergerichtliche Hinrichtungen sowie andere Nebenwirkungen des globalen „Kriegs gegen Drogen“, der längst verloren ist
 
Wir versuchen, die sozialen und politischen Strukturen hinter Gewalt offenzulegen, analysieren globale Lösungen und teilen Wissen und Strategien unter anderem in Workshops.

Mit der “OpenCrime”-Initiative vernetzen wir auch Insider und Experten zu verschiedenen Feldern Organisierter Kriminalität mit Praktikern oder Betroffenen von Gewalt, die zusammen an Fragestellen und Projekten arbeiten – etwa zur Rolle von Frauen und Organisierter Kriminalität.

3. Wem würdest du einen Preis verleihen und wofür?

Allen, die nicht auf Bühnen stehen, aber an vorderster Front dafür kämpfen, die Welt zumindest ein bisschen besser zu machen – wie Sozialarbeiter und Sozialarbeiterinnen, die oft einen hohen persönlichen Preis dafür zahlen, mit Heftpflaster-Mitteln das Versagen von Gesellschaft und Politik aufzufangen. Familien, die nach Morden oder Entführungen hier in Mexiko eigene Ermittlungen anstellen oder nach Verschwundenen graben, obwohl sie bedroht werden. Den völlig überlasteten MitarbeiterInnen in Frauenberatungsstellen oder Migrantenherbergen. Jedem, der sich Ungerechtigkeiten wie Rassismus in den Weg stellt. Die meisten sehen leider lieber schnell weg, wenn sie selbst Einsatz zeigen müssen oder wenn es riskant wird.

Um nur drei Namen zu nennen, die mich in letzter Zeit inspiriert haben:
Meine Kollegin und Polizeireporterein Lucy Sosa aus der Grenzstadt Ciudad Juárez, die trotz Trauma und persönlicher Gefahr seit Jahren Morde, Massaker und Justizversagen dokumentiert. Verónica Corchado, die Leiterin des Fraueninstitutes von Juárez, die versucht, lokale Lösungen gegen die Gewalt zu finden – und weitermacht, obwohl das Institut zum Beispiel vor kurzem von einem Kartellkommando unter Beschuss genommen wurde. Tanya Ward, die zwischen den rivalisierenden Gangs von Los Angeles vermittelt, und mit Jugendlichen und Gangmitgliedern Traumata aufarbeitet, die Rassismus, soziale Ungleichheit, Gewalt, Masseninhaftierung über Jahrzehnte hinweg geschaffen haben.

Fraueninstitut Juarez, Einschussloch. Copyright: Sonja Peteranderl

4. Was machst du in deinem Job?

Als Korrespondentin bin ich viel unterwegs, habe in den letzten Monaten etwa in Tijuana, Ciudad Juárez, Mexiko-Stadt oder Los Angeles recherchiert. Für das Spiegel-Projekt “Globale Gesellschaft” berichte ich aus ganz Lateinamerika schwerpunktmäßig über Migration, soziale Missstände, Gender und Klima. Hier in Mexiko sind Frauenmorde ein zentrales Thema – jeden Tag werden mehrere Frauen auf oft unvorstellbar brutale Art und Weise ermordet und in vielen Fällen kommen die Täter unbestraft davon. Es finden aber auch Massenproteste gegen die Gewalt statt, die zumindest den großen und weiter wachsenden Widerstand zeigt.

Sonst recherchiere ich etwa zu Organisierter Kriminalität und Drogenkrieg und zur Situation an der US-amerikanischen-mexikanischen Grenze. Migranten, die in die USA wollen, werden wie in Europa immer weiter nach Süden gedrängt und müssen monatelang in mexikanischen Grenzstädten auf ihren Asylprozess vor US-Gerichten warten – also in Städten wie Tijuana und Ciudad Juárez, die hohe Mordraten haben, und wo Gangs und Kartelle die Asylbewerber bedrohen, überfallen, sie entführen oder dazu zwingen, Drogen zu verkaufen.

Migrantenherberge. Copyright: Eduardo Barrera Herrera

5. Welchen Beruf haben sich Deine Eltern für Dich vorge­stellt?

Ich war schon immer mit Stiften und Büchern unterwegs, also war die Berufswahl vielleicht nicht ganz überraschend – und ich arbeite journalistisch, seit ich 16 bin.

6. Auf welche Frage hattest Du in letzter Zeit keine Antwort und wo könn­test Du sie finden?

Wie lässt sich der Kreislauf der Gewalt nachhaltig unterbrechen? Ich war in letzter Zeit immer wieder mit Morden, Massakern, Gewalt in verschiedenen Formen konfrontiert, dazu kommen überall ähnliche strukturelle Probleme wie Gleichgültigkeit, Justizversagen, fehlende Ressourcen für wichtige Präventionsprojekte. Das nimmt einen teils persönlich mit und ist frustrierend. Was hilft, sind vielleicht die kleinen Erfolge in einem aussichtslos wirkenden Kampf – Projekte, die lokal konkret positive Veränderung schaffen wie Homeboys Industries oder Community Coalition in Los Angeles, oder die Geschichten von Menschen, die zum Beispiel einen harten Start ins Leben hatten und Serienstraftäter waren, und sich in ihrem zweiten Lebensabschnitt mit ihren Erfahrungen aus Gangs und Gefängnissen für Veränderung einsetzen.

7. Worüber kannst Du dich so richtig gut aufregen?

First World Problems, fehlende Zivilcourage und Solidarität und fehlendes Interesse an der Welt, immer wieder.

8. Was macht Dir Freude?

Etwas Neues dazuzulernen, gute Gespräche, die einen voranbringen, Menschen – nicht immer, aber oft. Auch die unfassbare Schönheit und Vielfalt dieses oft so brutalen Landes.

9. Was kommt auf Dein Protest­schild?

Pasión o muerte!

10. Was wird Dein nächstes Projekt?

Mit der OpenCrime-Konferenzserie wollten wir dieses Jahr global expandieren – mit der Coronakrise wird sich der Plan wohl etwas verzögern. Geplant ist als Nächstes eine Expertenkonferenz zu digitaler Gewalt gegen Frauen.