7. September 2020

CO2-Kompensation: „Gefährliche Illusion für den Flugverkehr“

07.09.2020 — Berlin, Deutschland

Kann ich meine Emissionen einfach kompensieren, wenn ich nicht zwischen Flugreisen und Klimaschutz entscheiden will? Nein, sagt Thomas Fatheuer, ehemaliger Leiter des Büros der Heinrich Böll Stiftung in Brasilien und Mitarbeiter des Forschungs- und Dokumentationszentrums Chile-Lateinamerika (FDCL). Im Gespräch mit Pia Voelker erklärt er, warum.

"Durch Kompensation wird kein Gramm CO2 weniger ausgestoßen, es ist ein Nullsummenspiel."

Pia Voelker: Herr Fatheuer, Kompensationszahlungen sind mittlerweile weit verbreitet und werden auch im Flugverkehr genutzt. Wie beurteilen Sie dieses Konzept?

Thomas Fatheuer: Der Gedanke der Kompensation beruht auf der Annahme, dass CO2 gleich CO2 ist. Nach dieser Logik lassen sich CO2-Emissionen aus der Verbrennung fossiler Energie mit der Speicherung von CO2 in Pflanzen austauschen. So wird zum Beispiel mit einem Projekt aus Kompensationszahlungen ein Wald aufgeforstet. Das eingesparte CO2 wird dann gegen die Emissionen aus dem Flugverkehr aufgerechnet. Damit werden jedoch zwei Kreisläufe miteinander verbunden, die eigentlich getrennt sind.

Besonders problematisch dabei ist, dass wir weltweit Wälder und natürliche Ökosysteme und damit die Artenvielfalt in großem Maße zerstört haben. Auch deshalb müssen wir die Entwaldung stoppen, bzw. Wälder und Ökosysteme wiederherstellen. Dies ist global gesehen keine zusätzliche Leistung, die zur Kompensation dienen könnte.

Voelker: Gibt es Kompensationsprojekte, die wirksamer sind als andere?

Fatheuer: Einzelne Projekte können durchaus wirksam sein. Ob sie einem sinnvollen Zweck dienen, ist ein andere Frage. Die Firma Atmosfair beispielsweise ist sicherlich seriös und hat den Ruf, Projekte zu unterstützen, die Kleinbauern zugutekommen, indem sie Agroforstsysteme und Agrarökolgie fördern.

Voelker: Viele dieser Projekte werden in Ländern des Globalen Südens durchgeführt. Weltweit betrachtet werden die meisten CO2-Emissionen aber in Industriestaaten verursacht. Warum wird nicht dort kompensiert, wo die Emissionen verursacht werden?

Fatheuer: Genau das ist Teil des Problems. Aber der Grund ist einfach: Normalverweise ist Kompensation im Globalen Süden billiger. So sind Zertifikate aus REDD-Projekten (Reducing Emissions from Deforestation and Forest Degradation) in lateinamerikanischen Ländern, welche auf die Reduzierung von Entwaldung setzen, deutlich billiger als Zertifikate, die die Renaturierung von Mooren in Deutschland fördern.

"Meist wird nicht dort kompensiert, wo die Emissionen entstanden sind."

Voelker: Befürworter der Kompensationslogik argumentieren, die Initiativen hinter den Projekten würden sich nicht nur darum bemühen, Treibhausgase einzusparen, sondern auch versuchen zusätzlich die Lebensbedingungen der lokalen Bevölkerung zu verbessern. Was denken Sie darüber?

Fatheuer: Das kann ja im Einzelnen durchaus sein, aber ist es nicht pervers, die Verbesserung der Lebensbedingungen der Menschen als ein eine Art Nebeneffekt zu behandeln? Im Fachjargon heißt es “Non-Carbon-Benefits” (NCB). Alles hängt vom CO2 ab!

Voelker: Was kann CO2-Kompensation im Kampf gegen den Klimawandel bewirken?

Fatheuer: Durch Kompensation wird kein Gramm CO2 weniger ausgestoßen, es ist ein Nullsummenspiel. Kompensation dient nicht der Reduktion, sondern eher dem Zeitgewinn.

Voelker: Was sollte ihrer Meinung nach getan werden?

Fatheuer: Der Flugverkehr darf nicht weiter wachsen. Eine Priorität sollte sein, den Flugverkehr infrage zu stellen und Alternativen zu fördern.

Für eine kurzfristige Agenda in der EU wären beispielsweise folgende Forderungen denkbar.

  • Alle Flüge unter 1000 km sollten einstellt, oder wenigstens drastisch verteuert werden.
  • Das europäische Zugnetz sollte mit einer Preisgestaltung gefördert werden, die Bahnreisen bis 2000 km billiger macht als Flüge.

Mittelfristig muss die allmähliche Reduzierung des Flugverkehrs das Ziel sein. Zudem müssen wir den Einsatz alternativer Kraftstoffe fördern. Dazu sollten aber nicht „Biokraftstoffe“ zählen, sondern beispielsweise synthetisches Kerosin, das mit Strom aus Windenergie erzeugt wird.

Angesichts der Tatsache, dass zurzeit nicht einmal eine Kerosinsteuer politisch durchsetzbar ist, erscheint eine solche Perspektive aber eher utopisch.

Nur eingebettet in eine klare Degrowth-Strategie könnte ich mir Kompensation in einem gewissen Maß als sinnvollen Beitrag vorstellen. Unter heutigen Bedingungen ist sie eher kontraproduktiv, weil sie das Wachstumsmodell am Laufen hält. Solange der Flugverkehr wächst, ist Kompensation die falsche Antwort.