22. Mai 2020

Ein Fall für die Community

22.05.2020 — Dublin, Irland / New York, USA

DetektivKollektiv entlarvt Falschinformationen rund um COVID-19. Mitinitiiert wurde das Projekt von nefiat Daniel Weimert und der aktuellen Kollegiatin Marie Schröter.

Die Niederlande. Randalierer*innen setzen 5G Infrastruktur in Brand in dem Glauben, sie trage zur Verbreitung von COVID-19 bei. Deutschland. Anhänger*innen von Verschwörungstheorien demonstrieren in Berlin gegen einen angeblichen “Impfterrorismus” zur Bekämpfung von COVID-19.

Bereits zu Anbeginn der Pandemie stellte die WHO fest, dass „der Ausbruch und die Bekämpfung von COVID-19 von einer massiven „Infodemie“ begleitet werden, einer Überfülle an Informationen — einige davon verlässlich und andere nicht —, die es den Menschen schwer macht, vertrauenswürdige Quellen und verlässliche Leitlinien zu finden, wenn sie diese benötigen.“  Diese Falschinformationen wirken nicht bloß online, sondern haben negative Konsequenzen für das Leben von Menschen weltweit.

Dies geschieht bewusst (Desinformation) oder unbewusst (Misinformation). Auch staatliche Akteure, allen voran Russland und China, verbreiten gezielt einseitige oder komplett falsche Narrative und kämpfen so im Netz um die öffentliche Meinung. Bestehende Ängste und die grosse Ungewissheit rund um das neue Corona-Virus werden ausgenutzt und instrumentalisiert.

Dies bleibt nicht unbeantwortet.

Nach einem außergewöhnlichen Paradigmenwechsel greifen soziale Plattformen nun gegen Falschinformationen zu COVID-19 durch, um das Ausmaß eben dieser zu lindern.

Fact-Checking Organisationen arbeiten auf Hochtouren, um gesicherte Informationen bereitzustellen und die Allgemeinheit so vor gefährlichen Gerüchten und Panikmache zu schützen. Die WHO etablierte einen Chatbot für WhatsApp und Facebook Messenger, um Falschinformationen in der „Black Box“ dieser Messaging Apps auf die Schliche zu kommen, welche sonst aufgrund ihrer privaten Natur und Verschlüsselung wenig Aufschluss über Falschinformationen bieten können.

Und doch ist das nicht genug.

Wegen der beispiellosen Menge an Inhalten auf sozialen Plattformen ist es für diese unmöglich, alle Falschinformationen zu COVID-19 zu entfernen. Etablierte Medien erreichen mit ihren Berichtigungen oft nicht die Kreise, die besonders mit Falschinformationen konfrontiert sind. Gerade Organisationen, die in redaktionellen Strukturen arbeiten und teils von Journalist*innen betrieben werden, kämpfen paradoxerweise mit einem Vertrauensverlust in ihre Arbeit.

Ein Chatbot der WHO bringt ebenfalls nur solange etwas, wie er detaillierte Auskünfte in mehreren Sprachen und nicht nur vorgefertigte Antworten bereitstellt. Zudem muss den Nutzer*innen das Angebot bekannt sein.

Eine goldene Lösung gibt es nicht. Aber Ideen für neue Ansätze schon.

Wir, Marie und Daniel, leben momentan in New York und Dublin und sind im deutschen sowie europäischen WirVsVirus Hackathon auf weitere acht Leute gestoßen, die sich dieser Herausforderung annehmen wollen. Wir entwickeln eine von der Community betriebene Plattform zur Überprüfung von Informationen in Ende-zu-Ende verschlüsselten Messaging Apps: das DetektivKollektiv.

Auszeichnungen, neue Levels und damit neue Fähigkeiten regen zum Bewerten von Informationen an. Nachrichten erreichen die Plattform über einen automatisierten WhatsApp Chatbot, an denen Nutzer*innen ihr Material direkt schicken können. Diese werden dann in einem Peer-Review Verfahren von weiteren Detektiv*innen überprüft.

Praktisch kann das so aussehen: Sabine erhält in ihrem Laufgruppen-Chat die Nachricht, dass der Verzehr von Bleichmittel Corona-Viren abtötet. Ihr ist diese Nachricht suspekt und sie leitet sie an den WhatsApp Bot weiter. Dieser registriert automatisch, dass für diese Meldung noch keine Einschätzung hinterlegt ist und gibt sie an mehrere Detektive weiter, die den Wahrheitsgehalt überprüfen. Sabine erhält Antwort vom WhatsApp-Bot, der ihr rotes Licht und das Rechercheergebnis „eher unzuverlässig“ anzeigt.

Warum wir unser Konzept nicht grundlegend auf künstliche Intelligenz ausrichten? Wir sind  davon überzeugt, dass zu diesem gesellschaftlichen Problem momentan nur die Gesellschaft selbst eine mögliche Lösung sein kann. Algorithmen sind (noch) nicht ausgereift genug, um Falschnachrichten zu finden, zu klassifizieren und zu überprüfen und eigenständig automatisierte Entscheidungen zu treffen — noch nicht einmal große soziale Plattformen, denen viele Mittel zur Verfügung stehen, können sich nur auf Algorithmen verlassen. Es ist unser Ziel, eine kritische Masse zu mobilisieren, die sich dieser Herausforderung annimmt.

DetektivKollektiv soll auch dabei helfen, Licht ins Dunkel der Ende-zu-Ende verschlüsselten Messenger zu bringen: alle überprüften Inhalte werden für Forschung und Journalismus offengelegt, um zur Erforschung von Falschinformationen und deren Verbreitung beizutragen. Personenbezogene Daten werden zu jedem Zeitpunkt datenrechtskonform bearbeitet und individuelle Daten anonymisiert.

Inwiefern unser Projekt zur Bekämpfung von Falschinformationen schlussendlich beitragen kann, lässt sich nicht vorhersehen. Aber uns ist es einen Versuch wert, um Menschen beim Manövrieren der Informationsflut zu unterstützen. In den Niederlanden, in Deutschland und sonst wo. Und das auch weit über die jetzige Pandemie hinaus.