29. März 2020

Von Ausnahme und Normalität (und Katzen)

29.03.2020 — Amman / Rom

Die Pandemie trifft die derzeitigen Kollegiatinnen Alissa Siara und Tamara Krüger mitten in ihrer zweiten Auslandstage. In der ad hoc geben sie einen ganz persönlichen Einblick in ihren Quarantäne-Alltag in Italien und Jordanien.

Italien.

Es ist der 27. März 2020, dritte Woche Quarantäne. In Gedanken gehe ich nochmals die erste Strophe durch. Pünktlich um 18 Uhr öffnen sich alle Fenster im Viertel. Ich setzte mich auf meinen Fenstersims, begrüße mein Publikum, das aus den Fenstern lehnt, und warte darauf, dass das Orchester im Gebäude nebenan die italienische Nationalhymne anstimmt. Mit dem Text auf meinem Handy abgesichert trällere ich los, als mich eine liebliche Damenstimme aus dem oberen Stockwerk übertönt.  

Wie die Callas stelle ich mir meine Nachbarin auf ihrem Balkon vor, mit dramatischem Ausdruck und wehendem Haar. Bella Italia, denke ich resigniert, nehme mir aber vor, mich nach Aufhebung der Quarantäne bei der Primadonna für ihr Ständchen zu bedanken. Die Idee, sie um Gesangsunterricht zu bitten, verwerfe ich direkt wieder.

Jordanien.

Es ist der 27. März 2020, die erste Woche in Quarantäne neigt sich dem Ende zu. Punkt 18 Uhr wird Eminem, der das abendliche WG-Workout auf dem Dach zu Höchstform auflaufen lässt, übertönt.

Während Lautsprecher-Eminem unberührt unsere schweißtreibenden Übungen berappt, schweifen meine Gedanken zum derzeitigen Ausnahmezustand weltweit. Wie absurd es doch ist, hier seelenruhig zu planken, während beunruhigende Laute an den Ernst der Lage erinnern zu versuchen? Yallah, werde ich aus meinem Unbehagen gerissen, denn die WG verlegt ihren Aufenthalt vom Hunger getrieben in die Küche. Und schon kehrt wieder Normalität in den Ausnahme-Alltag, der beim gemeinsamen Kochen von den Nachrichten und abendlichen SMS-Erinnerungen der jordanischen Regierung zur Einhaltung der Maßnahmen abzulenken weiß.

Italien.

Ich (Alissa) arbeite seit Februar 2020 für einen Think Tank in Rom, seit Anfang März im Home-Office. Als für den 10. März die Ausgangssperre erlassen wurde, entschied ich mich, vorerst nicht in die Schweiz zurückzukehren. Schnell hat sich Italien in das vom Coronavirus am stärksten betroffene Land entwickelt. Vor einem Monat lag die Zahl der Verstorbenen bei 21, heute sind es über 10’000.

Trotz der Umstände ist die Quarantäne für junge und gesunde Menschen wie mich gut aushaltbar. Ich lebe in einer Wohnung, in der alle ihr eigenes Zimmer haben. Essen kann ich nach Belieben einkaufen. Über meine Internetverbindung kann ich weiterhin arbeiten und mit Freunden und Familie in Kontakt bleiben.

Gegenüber kochen meine Nachbarn gerade, hören dabei laut Musik und tanzen. Es sind die kleinen Momente, die mich von der Realität ablenken. In der Schweiz würde ich „La Dolce Vita“ vermissen, auch wenn dieses gerade nur aus der süßen Freude besteht, von einem Pyjama in den nächsten zu wechseln.

Das denke ich, als mein Mitbewohner singend in mein Zimmer platzt und enthusiastisch fragt, ob wir zu Mittag essen. Nicht einmal eine Quarantäne kann seinen Optimismus eindämmen. Das kommt mir sehr gelegen, denn es ist 13 Uhr – das Ende der täglichen 20 Minuten, in denen die Sonne meinen Fenstersims in eine Sonnenbank verwandelt. Ich folge ihm in die Küche.

Seine Freundin ist gemeinsam mit „Penny“, ihrer Katze, bei uns eingezogen. Eigentlich mag ich Katzen nicht. Allergisch bin ich auch. Aber mittlerweile ist jede Ablenkung willkommen und innerhalb kürzester Zeit finde ich mich auf dem Boden wieder, mit meinem Liedtext in der einen und Penny in der anderen Hand.

Jordanien.

Mich (Tamara) hat es Anfang Februar 2020 für meine Stage bei CARE International nach Amman verschlagen. COVID-19 dominierte für mich lange nur die Nachrichtenkanäle. Die weltweiten Entwicklungen verfolgten wir besorgt aus der Ferne.

Mit einer vergleichsweise geringen Zahl an knapp über 30 bestätigten Infizierten wurde am 17. März der nationale Notstand ausgerufen. Am 21. März folgte dann die Verkündung der totalen Ausgangssperre auf unbestimmte Zeit, die bei Nichteinhaltung mit bis zu einem Jahr Gefängnis bestraft wird. Wie meine Mitbewohner auch, reisten viele Ausländer von heute auf morgen alarmiert aus, bevor die Grenzen geschlossen wurden. Ich persönlich fühle mich in Amman gut aufgehoben und blieb.

Auch im Ausnahmezustand kann ich mich auf die offene und hilfsbereite Mentalität der Jordanier*innen verlassen. Eilig zog ich für die Quarantäne zu Freund*innen in die WG und ließ mich vom deutschen Konservenkauf inspirieren, der mir tatsächlich bereits gute Dienste erwies.

Je nach Internetverbindung und WG-Ablenkung verbringe ich meine Zeit mehr oder weniger produktiv im Home-Office und verfolge und befolge brav die sich stetig ändernden Informationen der Regierung. Wichtig ist – zuhause wird es nicht langweilig: Der Esstisch ist mittlerweile eine Tischtennisplatte, alles was rund ist, aufgepumpt. Es wird gejätet, gepflanzt, gestrichen, selbst Teppiche gewaschen. Man sonnt sich auf dem Dach, lernt Arabisch und Englisch, kocht und backt (und nimmt eher zu als ab). 

Eigentlich mag ich Katzen nicht. Mittlerweile hausen drei bei uns (statistischer Hinweis: die Zahl der gelegentlich strandenden Sraßenkatzen wurde nicht erfasst). Je länger ich dieselben vier Wände um mich habe, desto mehr freue ich mich über alles, was Spannung in den Tag bringen könnte. Klein „Corona“ darf nun also sogar auf meiner Fernsehdecke schlafen.

Italien.

Der Höhepunkt des heutigen Nachmittags: der wöchentliche Einkaufsbummel. Mit einer großen Einkaufstüte und Ausgehschein ausgestattet hoffe ich, dass ich als normtreue Einkäuferin von der Regelbrecherin zu unterscheiden bin. Trotzdem lasse ich es mir nicht entgehen, den etwas weiter entfernten Supermarkt anzupeilen. Langsam verflüchtigt sich der Nachgeschmack von der gestrigen Degradierung zur Gesangs-Statistin, während ich in einst befahrenen Alleen mitten auf der Straße stolziere.

Unterwegs begegnet mir niemand. Außer zahlreichen rot-weiß-grünen Flaggen und einem Hund mit Herrchen. Sofort bereue ich meine morgendliche Spielstunde mit Penny und rege mich wieder über Katzen auf, die einem nicht einmal das Privileg einräumen, in Quarantäne Gassi gehen zu dürfen.

In den Supermärkten fehlt es an nichts. Die einzige Veränderung ist die Menschenschlange vor dem Eingang. Grund dafür ist die gesetzlich vorgeschriebene Beschränkung der Gesamtzahl an Kunden im Geschäft. Brav stehen wir also für die nächsten 40 Minuten im 1-Meter-Abstand Schlange. Nach dem Einkauf werde ich dafür mit einer strahlenden Sonne belohnt, die mich an Feierabende mit Aperitivi und Museumsbesuchen erinnert.

Mein Nachbar holt mich aus meinen Gedanken. Ich solle mir lieber eine Maske zulegen, das sei ja viel zu gefährlich ohne. Blöd nur, dass diese mittlerweile 60 Euro kosten.

Jordanien.

Die totale Ausgangssperre, in der auch nicht eingekauft werden sollte, wurde mit viel Polizei- und Militärpräsenz gesichert. An Tag 1 wurden bereits 400 Menschen festgenommen, die diese Regeln nicht befolgten. Die für den vierten Tag angekündigte erste Maßnahme zur weiteren Lebensmittelversorgung — die Lieferung von Brot durch Busse bis an die Haustür — führte allerdings zu großem Chaos. Nun dürfen also kleine Shops und Apotheken zwischen 10 und 18 Uhr wieder für die Bevölkerung öffnen. Man munkelt immer wieder, es gäbe auch eine App, über die geliefert wird, aber das System scheint noch nicht ganz funktionsfähig.

Ich lege hiermit auch ein kleines Schuldgeständnis ab. Nachdem zunächst die ungewisse Informationslage und Striktheit der Behörden zu Gehorsam führten, warf auch ich am vierten Tag jegliche Ausgangssperren- und social distancing Regeln über den Haufen.

Gehe alleine Brot suchen, rieten mir meine Mitstreiter in der Schlange, die auf den nie gesehenen Bus wartete. Als Frau alleine hätte ich doch Vortritt gegenüber den Männern. Lieber ging ich jedoch brotlos nach Hause. Wir haben 10kg Reis und Konserven auf Vorrat.

Und zum Glück gibt es ja jetzt wieder fast alles, nur frisches Obst und Gemüse ist schwieriger zu finden.

Mehr beunruhigen tun mich nun die kleinen, engen Supermärkte, die den gewünschten 2m-Abstand gar nicht erst zulassen. Gefühlt wuselt es auch fast wieder so auf den Straßen wie vor dem Pandemie-Leben. Nur die Militärpräsenz, die Abwesenheit von Autos und der neue “Mundschutz und Handschuh”-Trend verrät, dass etwas anders ist.

Bei zu viel Nähe und Husten zuckt man kurz und zieht sich die Jacke ins Gesicht. Wohler ist mir ehrlich gesagt doch, wenn ich das Geschehen öfters von meinem Sonnendach bei einem türkischen Kaffee beobachte und dafür eine Konserve mehr esse.

Italien.

Noch zwei Stunden bis 18 Uhr. Zuhause angekommen wasche ich mir brav die Hände und frage mich mit Blick in den Spiegel, wann ich wohl das nächste Mal zum Friseur gehen kann. Es folgt das tägliche Auswendiglernen der ersten Strophe und die Hoffnung, die Callas würde sich heute eine Pause gönnen.

Penny. Diese elende Katze. Ich überlasse ihr die Bühne und bin erleichtert, dass es jemandem gelungen ist, meine Gesangsvorstellung zu unterbieten. Morgen werde ich wieder mit ihr spielen.

Jordanien.

Bevor das abendliche Workout beginnt, gebe ich eine Runde Desinfektionsmittel aus, die auf Begeisterung stößt. Wie jeden Abend betritt Eminem seine Bühne auf unserem Dach und die Nachbarschaft weiß, dass es nun etwas zu gucken gibt. Während ich brav meine Hampelmänner springe und gekonnt den Katzen ausweiche, die wie immer im Weg herumliegen, erblicke ich die ältere Dame schräg gegenüber hinter dem Vorhang.

Wenn diese Ausgangssperre etwas Gutes hat, dann ist es nicht nur die Eindämmung der Pandemie; sie erinnert auch daran, nicht alles, was zählt im Leben, für selbstverständlich zu nehmen. Dafür gibt es umso mehr Kraft, diese Zeit gemeinsam durchzustehen!