17. Juni 2021

“Wir müssen in zukünftige Handelspartner investieren”

17.06.2021 — Zürich, Schweiz

Impact Investing zur Armutsbekämpfung? Hannes Schmid argumentiert, dass es massive Investitionen in die Bildung braucht, damit das funktionieren kann.  

Da spricht einer, der keine Zeit zu verlieren hat. Hannes Schmid sitzt auf dem Bett seines Quarantäne-Hotelzimmers in Kambodscha und erklärt, was sich seiner Ansicht nach ändern muss, damit die Ärmsten dieses Landes irgendeinmal Investitionskapital empfangen können.

Hannes Schmid fordert langfristige Investitionen in Humankapital. Bild: Hannes Schmid GmbH.

Er, der Starfotograf, der einst Bands wie Queen und Kraftwerk auf Tour begleitete und sich mit seinen Bildern an die Spitze der internationalen Modeszene schoss, streitet nun mit dem chinesischen Betreiber dieses Hostels darum, dass er während der verordneten Isolation ausreichend Trinkwasser erhält.

Armut bekämpfen wie ein Startup

Der Grund der beschwerlichen Reise ist das Dorf, das Schmids Organisation Smiling Gecko ausserhalb von Phnom Penh aufgebaut hat. Was mit 12 Familien begann, ist seit 2014 zu einem eigenen Ökosystem angewachsen, unter anderem mit Bio-Fischzucht, Gemüseanbau und einem Restaurantkomplex. Die Betriebe beschäftigen mittlerweile 255 Angestellte. Die meisten von ihnen hatten vorher in Stadtslums gelebt und sich mit Müllsortieren über Wasser gehalten.

Schmid brennt darauf, endlich ins Dorf zurückzukommen: “Die aktuelle Situation ist desolat. Wir geben unsere Produkte gratis ab, damit die Leute nicht verhungern.”

So war das eigentlich nicht geplant gewesen. Smiling Gecko versteht sich als Startup, die einzelnen Unternehmen sind so konzipiert, dass sie sich nach einigen Jahren selbst rechnen. Die Familien zahlen dann Pacht und wirtschaften selbständig. Die ursprünglichen Investitionen und Anschaffungen werden dabei ausklammert. Die Pandemie habe sie zurückgeworfen, doch das Modell funktioniere an sich gut, erklärt Schmid: “Die Business Pläne sind solide, jedes Unternehmen wurde von PwC geprüft. Ohne die Pandemie wären die Schreinerei und die Hühnerzucht jetzt schon profitabel.”

Die ursprüngliche Vision wäre an diesem Punkt noch weitergegangen. Die Betriebe des Dorfes hätten auch formell in Unternehmen umgewandelt und so aufgestellt werden sollen, dass sie Investitionsgelder aus dem Ausland hätten empfangen können.

Dieser Plan lief aber schnell in fundamentale Probleme.

Rahmenbedingungen für Investitionen nicht gegeben

“Die Grundidee war, einige Jahre als NGO zu arbeiten und dann, wenn die Betriebe unter Führung der lokalen Leute wirtschaftlich eigenständig sind, zu Social Enterprises zu werden,” erklärt Schmid. Das Problem: Investitionen in Unternehmen gelten nicht mehr als Hilfsgelder. “Wenn ich Geld erhalte von Smiling Gecko in der Schweiz und das in eine Firma in Kambodscha investiere, dann gibt es keine Steuerabzüge mehr dafür. Ich hätte schon Ende 2019 etliche unserer Betriebe umwandeln können, das ging aber nicht, weil von da an hätte ich keinerlei Hilfsgelder mehr investieren können in diese Unternehmen.”

Der Mix aus philanthropischem Startkapital und gewinnorientiertem Betrieb hätte also nicht mehr funktioniert.

Um Investitionsgelder zu verwenden, müsse man als Firma registriert sein: “Wenn ich Impact Investment annehme, müsste ich es verzinsen und wieder zurückzahlen können. Spenden dürfen wir gar nicht mehr aus dem Land herausnehmen.” Schmids Fazit: “Die ganze Idee, dass man Impact Investment in NGOs machen kann, ist eine Illusion. Das funktioniert nicht.”

Die Betriebe direkt als Firmen aufstellen und sich ganz auf Investitionsgelder verlassen will Schmid aber auch nicht, wie er erklärt: “Man muss eine Sache klar sehen: Investoren sind Leute, die Geld investieren, um möglichst hohe Zinsen zu generieren und das Geld möglichst schnell zurückzukriegen, vor allem in Ländern mit einem hohen Risiko.” Schmid sagt das ohne Kapitalismus-Kritik in der Stimme. Er sieht Firmen als Rückgrat jeder Gesellschaft, er ist vernetzt in der Bankenwelt. Aber mit einem profitorientierten Ansatz alleine lässt sich sein Projekt in Kambodscha nicht finanzieren.

Mit der Stiftung einer Grossbank wollte er ein riesiges Reisprojekt aufbauen, erzählt er. Den Bauern einen guten Preis zahlen, sie gegen Ernteausfälle absichern. “Die Bank wollte 10 Prozent Zins und Rückzahlung innerhalb von drei Jahren.” Das sei mit den bestehenden Rahmenbedingungen nicht möglich, konstatiert Schmid: “Es ist schon richtig, dass das Geld irgendwann zurück kommt. Aber es braucht lange: 25 Jahre, wenn möglich zinslos oder mit ganz geringen Zinsen. Und ja, vielleicht kommt das Geld dann auch einmal nicht zurück.”

Und damit sind wir bei der grundlegenden Frage angelangt, die Schmid umtreibt — trotz aller wirtschaftlichen Affinität und seiner eigenen Bilderbuchgeschichte als Self-Made-Man: “Ist es überhaupt sinnvoll, dass wir in diese sehr armen Länder, die nicht über die nötige Infrastruktur verfügen, Geld investieren, das wir wieder zurückholen müssen? Wer zahlt denn den Preis dafür?”

Ohne Bildung bleibe es immer bei Gebern und Nehmern, sagt Hannes Schmid. Bild: Ghazaal Hosseini.

Massiver Aufbau von Humankapital nötig

Wenn in einem Land das Durchschnittssalär wenige Hundert Dollar betrage, gebe es keine Kaufkraft. Dann könne man schon Geld verdienen, aber “nur indem man Sand abbaggere oder Casino-Städte baue.” Schmid blickt in die Handy-Kamera und lehnt sich an die gelbe Wand seines winzigen Zimmers. “Warum müssen Frauen in den kambodschanischen Textilfabriken für weniger als einen Dollar pro Stunde arbeiten?”, fragt er. “Die bekommen nie genug Geld zum Leben und Überleben.”

Das Grundproblem liege im fehlenden Humankapital. Die allermeisten Kinder gingen zwei bis drei Jahre in die Schule, könnten nicht richtig lesen und schreiben. “Wie soll ein wirtschaftliches System funktionieren, wenn die Leute nicht gebildet sind?,” fragt Schmid. “Wo wären wir in der Schweiz wenn wir den Bildungsstandard von Kambodscha übernehmen würden?”

Der Kontrast könne grösser nicht sein. Wenn in der Schweiz ein Kind geboren werde, dann investierten die Eltern Tausende von Franken in dieses Kind: “Die Kinder werden gefördert. Kaum können sie laufen, bekommen sie schon ein intelligentes Spielzeug in die Hand und werden in den Klavierunterricht geschickt.” Dann übernehme der Staat, finanziere Kindergarten, Schule, später Universität. “Es ist ein 25 bis 30-jähriges Investment in die nächste Generation.”

Genau das fehlt laut Schmid in Kambodscha. Weder die UNO, noch die nationalen Entwicklungsorganisationen, noch irgendeine andere Institution hätten in den letzten 25 Jahren ernsthaft in die Bildung investiert.

Hier sieht Schmid das Grundproblem: “Wenn wir das jetzt nicht ändern, sind wir auch in 30 Jahren noch in derselben Situation. Ich sage nicht, dass wir nie etwas zurückbekommen. Aber wir müssen zuerst 25 Jahre lang investieren, um überhaupt die Grundlage für einen echten Markt zu schaffen.”

Im Projektdorf betreibt Smiling Gecko eine Schule, konzipiert von ETH-Architekten, mit eigens ausgebildeten Lehrern. Das Curriculum ist vom kambodschanischen Bildungsministerium anerkannt und ermöglicht den Übertritt an internationale Universitäten. Rund 300 Kinder werden dort aktuell ausgebildet. Doch Schmid hat Mühe, die Mittel für den Betrieb zu generieren: “Niemand will Geld geben für Bildung.”

Wider die Augenwischerei

Stattdessen begnügten sich die Entwicklungsorganisationen mit Hilfen hier und da, die das unterliegende System intakt liessen. Hannes Schmid spricht von “Pflästerlipolitik”: “Wir machen Vocational Training mit Leuten, die weder lesen noch schreiben können. Die werden nie Firmen leiten!”

Auf einmal merkt man ihm die Erschöpfung an. “Manchmal drehe ich durch, wenn ich sehe, wie inkonsequent das ist,” sagt Schmid. Die Entwicklungszusammenarbeit bringe in Kambodscha offensichtlich keine nachhaltigen Resultate: “Was hat denn all dieses Geld bewirkt, wenn die Leute wegen einer Pandemie gleich um Jahre zurückversetzt werden? Wie soll sich ein Reisbauer oder eine Textilarbeiterin in Kambodscha neu erfinden, wenn sie die letzten Jahre nichts verdient haben?”

Lösungsansätze sieht Schmid in zwei Punkten:

  1. Der breiten Masse der Bevölkerung eine kompetenten Bildung ermöglichen. “Wenn wir das nicht machen, bleiben wir immer Geber und Nehmer,” doppelt Schmid nach. Dafür brauche es aber deutlich mehr als die von der von der UNO errechneten 2.5 Billionen Dollar, die jährlich fehlten, um die Sustainable Development Goals zu erreichen.
  2. Hilfsgelder an Bedingungen knüpfen. Damit Investitionen nicht in bestehenden Systemen versanden, müsse man die internationalen Gelder bündeln und die Regierungen unter Druck setzten, strukturelle Änderungen vorzunehmen. Schmid plant, Vertreter aus den Bildungsministerien von Singapur, China, der Schweiz zusammenbringen, um zu verstehen, welche Faktoren in diesen Ländern zu Fortschritten geführt haben. Dann soll ein Dialog mit den Entwicklungsorganisationen folgen, um geeignete Konditionen zu definieren für Vereinbarungen mit Empfängerländern.

Kosten der globalen Armut sichtbar machen

Um diesen Ansatz bei Politikern und Staatsangestellten beliebt zu machen, plant Schmid eine Studie mit PwC und anderen Institutionen, die quantifizieren soll, was die globale Armut ein Land wie die Schweiz kostet: “Ziel ist, dass die Policymaker verstehen, wie viel wir verlieren, wenn wir einfach weitermachen wie bisher und nicht wirkungsvoll in Bildung investieren.”

In diese Rechnung sollen mangelnde Absatzmärkte, Kosten der Migration und sozialer Probleme einfliessen. Die These ist, dass die demographische Entwicklung in den Industrieländern dazu führt, dass diese ihren Wohlstand nicht ohne neue Handelspartner erhalten können: “Wenn sich die Kaufkraft in anderen Teilen der Welt nicht entwickelt, können sich immer weniger Leute unsere Produkte überhaupt noch leisten.”

Und so sieht Hannes Schmid in seiner Forderung nach Massenbildung dann doch eine Form des Impact Investing, wenn auch mit deutlich längerem Zeithorizont: “Wenn wir jetzt nachhaltig in Bildung investieren, werden wir in 30 Jahren das zigfache zurückbekommen, weil das sind dann unsere Handelspartner.” Bei dieser Vision versteht man seine Rastlosigkeit.

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