3. Dezember 2012

Zwischen der Bürokratie eines Hauptquartiers und afrikanischer Geheimnistuerei

Nach Wochen relativer Langeweile im Regionalbüro von INTERPOL für Zentralafrika – die vorhandenen Kollegen sind auf unzähligen Missionen oder am fernsehen auf den neuen Flachbildfernsehern im Einzelbüro – bat der Chef des Büros um ein Gespräch. Es gehe um meinen Vertrag. Gemeinsam mit der Direktorin der INTERPOL Regionalbüros und des Chefs des National Central Bureaus (NCB) in Kamerun habe er beschlossen, dass er mich gerne ins NCB und zur kamerunischen Justizpolizei schicken würde, damit ich dort meine Stage fortzusetzen könne. Es sei bereits alles mit den relevanten Stellen besprochen. Ich bin zunächst überrascht, verstehe jedoch schnell, dass im Regionalbüro die Bürokratie des Hauptquartiers mit afrikanischer Geheimnistuerei und einem autoritären Führungsstil gepaart sind. Und ich freue mich über die Veränderung, denn mich interessiert besonders die praktische Polizeiarbeit; nachdem ich im Regionalbüro in den letzten zwei Monaten bereits einen Einblick in die Koordinations- und Supportarbeit erhalten habe.

Ich soll vom Regionalbüro ins Nationalbüro wechseln. Einerseits, weil die Mühlen im Hauptquartier von INTERPOL in Lyon unglaublich langsam mahlen und mit einer Mercatori, wie ich eine bin, überfordert sind, und andererseits, weil sie im Regionalbüro relativ wenig konkrete Arbeit haben, insbesondere zu Menschenhandel. Ob das eine politische Entscheidung gewesen ist oder bloss Zufall, bleibt offen. Was sie allerdings im Regionalbüro haben ist Platz, viel Platz. Dieses Regionalbüro ist absolut unterbesetzt. Eigentlich sollten alle Mitgliedstaaten der Region und einigen anderen afrikanischen Ländern Polizeioffiziere ins Regionalbüro senden. Doch bis auf ganze vier! Nationen haben keine diesem Ruf folge geleistet. Somit arbeiten in dem Gebäude, das für ungefähr 50 Mitarbeiter Raum bietet gerade mal 11 Personen, Fahrer, Sekretärin und Putzpersonal eingeschlossen, und davon stammen über die Hälfte aus Kamerun. Dementsprechend habe ich ein grosses Einzelbüro mit Chefstuhl und Chefpult und einer 1A Klimaanlage – nur der Flachbildfernseher fehlt in meinem Büro – doch das Polizeioffizierabzeichen meiner nigerianischen Vorgängerin hängt noch an der Wand und so könnte ich mich fast als afrikanischer Police Chief fühlen!

Nachdem das „OK“ des Délégué Général à la Sûreté nationale, dem höchsten Sicherheitschef in Kamerun, bereits nach zwei Tagen vorliegt, werde ich ab heute meine Stage beim Nationalen INTERPOL Büro sowie der kamerunischen Justizpolizei fortführen. Ich werde das gleiche Gebäude betreten, aber durch einen anderen Eingang. Mein grosses Chefbüro mit der 1A-Klimaanlage muss ich gegen ein kleines Grossraumbüro ohne Klimaanlage eintauschen. Dafür werde ich von nun an jeden Morgen von einem grossen Paul BIYA Poster begrüsst und hoffentlich mit viel interessanter Arbeit. 

Als Teil der kamerunischen Polizei habe ich nun die Möglichkeit, die konkrete Arbeit von INTERPOL und der kamerunischen Polizei im Feld zu verstehen. Ich freue mich drauf!