4. Oktober 2016

Brexit-Kommentar „Das kann nicht passiert sein“

© Juliane Sarnes

Seit beinahe acht Jahren lebe ich im Vereinigten Königreich. Ich füttere mit meinen Steuern die heilige Kuh des britischen Gesundheitssystems, bekämpfe ehrenamtlich Altersarmut in London. Um mich besser zu integrieren, habe ich meinen Teekonsum über das Normalmaß ausgeweitet. Auf die Nachricht, die Briten hätten sich mehrheitlich gegen den Verbleib in der Europäischen Union ausgesprochen, reagiere ich, wie wohl jede halbwegs vernünftige EU-Migrantin: Ich stelle mich tot. Das kann nicht passiert sein.

Ich habe Urlaub. Der Wetterbericht verspricht für die englische Südküste schönstes Inselsommerwetter: Platzregen mit Sonneninterludium. Marvelous! Gestern noch habe ich beim Spaziergang durch Hastings anerkennend die „Remain“-Plakate in den Fenstern des Provinzstädtchens gezählt. Ich belächelte die spärlichen, dafür aber in roter Signalfarbe leuchtenden „Vote Leave“- Poster und entwickelte mütterliche Gefühle für den jungen Studenten, der in der Einkaufsstraße seine Mitmenschen über die Vorzüge der EU-Mitgliedschaft aufklärte. Nach den Ergebnissen der ersten Hochrechnungen am Abend ging ich beflügelt schlafen. Ich war mir sicher: Die Briten sind kritisch, aber pragmatisch. Natürlich bleiben sie. Doch Totstellen hilft nichts. Tatsache ist: Die Mehrzahl meiner britischen Mitbürger will aus der EU raus. In Hastings stimmten knapp 55 Prozent der Einwohner mit „Leave“. Das Wahlergebnis schockiert mich. Wie ein Teenager, der von seiner ersten großen Liebe sitzengelassen wurde, fühle ich mich erst ungläubig, dann verletzt. Als meine Stimmung ins „Warte nur Freundchen, das wird dir noch leidtun!“ umzukippen droht, verlasse ich das Haus. Ich brauche einen Beruhigungs … Tee, pah! – Protestkaffee! In den Straßen jubelt niemand. Man geht nicht einmal beschwingter als sonst.

Auf den ersten Blick präsentiert sich das kaum zwei Stunden von London entfernte Hastings in sorglosem Wiesengrün und Seeblau, garniert mit segelnden Möwen und schick angezogenen Hauptstädtern. Bei genauerer Betrachtung fällt allerdings ein gewisser Leerstand auf, der selbst vor den hübschen Sträßchen der Altstadt nicht Halt macht. Ich verschanze mich in einem Café und bestelle doch wieder Tee. Eine kurze Google-Suche später weiß ich, dass das Ziel meines Wochenendausflugs zu den ärmsten Regionen Englands zählt. Hier leben hinter der idyllischen Fassade der Küstenstädtchen fast zwei Drittel aller Kinder in Armut. Die Gesundheitsversorgung ist unterdurchschnittlich, die Einkommen der arbeitenden Bevölkerung auch. Dafür liegt die Arbeitslosigkeit weit darüber. Dass man da irgendwann nur noch raus will, scheint mir nicht verwunderlich. Raus aus dem Elend, raus aus der Abwärtsspirale. Und das einzig greifbare, das einzige von den Eliten zur Wahl gestellte „Raus“, war eben das „Raus“ aus der EU.

Kaum fünf Jahre ist es her, da zogen jene, die sich von der Gesellschaft ausgeschlossen fühlten, plündernd und brandschatzend durch die Londoner City. Auch in Hastings kam es 2011 zu Krawallen. Mit Furcht und Verachtung beobachtete man die Zerstörungen, schlug die Ausschreitungen mit staatlicher Gewalt nieder. Doch das Verlangen, die systemischen Ursachen zu verstehen, geschweige denn zu beheben, hielt sich in Grenzen. Einfacher war es, gebetsmühlenhaft zu wiederholen, die Randalierer seien nicht politisch motiviert gewesen, sondern das Produkt einer widerwärtigen Neidkultur, die vorwiegend in der „Unterschicht“ grassiere. Das Ergebnis des Referendums ist aus meiner Sicht weniger eine Absage an die Grundwerte des geeinten Europas, als ein Aufschrei gegen die Missstände des rigiden britischen Klassensystems. Es mag eine Antwort auf eine Frage sein, die so nicht gestellt wurde, aber es ist eine ernstzunehmende politische Meinungsäußerung. So gern wir entsetzten Kontinentaleuropäer, Hauptstädter, Schotten oder Nordiren uns dies auch einreden mögen, es haben nicht nur semi-senile Rollatorfahrer für den Brexit gestimmt. Der Ruf, der jetzt wie Donnerhall in unseren europhilen Ohren braust, ist die Stimme derer, die sonst geflissentlich marginalisiert und überhört werden.

Ich kippe den Rest meines Tees in einen recycelten Pappbecher und gehe zum Strand hinunter. Der Himmel hat sich eingetrübt. Ein neuerlicher Platzregen droht. Nur ein paar Angler trotzen mit englischer Gelassenheit Wind und Wellen. Ob die wohl auch für den Austritt gestimmt haben? Vielen, die sich beim Referendum aus der apolitischen Ohnmacht zur Opposition erhoben haben, schlackern nun unter der ungewohnten Last der politischen Mitverantwortung die Knie. Bei anderen brechen sich, beflügelt vom ungewohnten Gefühl auf der Siegerseite zu stehen, niederste Instinkte Bahn. Die Meldungen über Hasskriminalität und rassistisch motivierte Übergriffe, vor allem auf Polen, aber auch auf Muslime, häufen sich. Beginnt mit dem Brexit nicht nur ein politscher und wirtschaftlicher Abstieg, sondern auch ein unaufhaltsamer Aufstieg menschenverachtender Gesinnungen? Bleibt zu hoffen, dass dieser Anblick aufrüttelt, abschreckt und in den restlichen EU-Mitgliedstaaten eine vergleichbare Selbst- zerstörungswut verhindert. „Kein guter Tag heute“, bemerkt einer der Fischer als die ersten Tropfen fallen und ergreift seinen fast leeren Eimer. Ich stimme schweigend zu und schaue auf das Meer hinaus. In die Richtung, in der ich Frankreich vermute.