16. Oktober 2011

Die Djinns von Delhi

Vor meiner Ankunft in Indien hatten mich viele Freunde, die bereits als Backpacker oder auf Dienstreisen in Delhi waren, vor dieser Stadt gewarnt. Die Hitze, der Lärm und Luftverschmutzung seien unerträglich, die allgegenwärtige Armut niederschmetternd. Ich würde angestarrt und von Männern belästigt werden. Ich würde möglicherweise ausgeraubt und höchstwahrscheinlich von Taxifahrern und Verkäufern beschwindelt werden. Von Freunden, die in Indien aufgewachsen waren, hörte ich immer wieder die Warnung „Delhi is not a safe city!“ und auch „Delhi is the sewer of India.“  So war ich also auf das Schlimmste vorbereitet, als ich (auf Grund von Visumsproblemem eine Woche verspätet – ein Beispiel der schrecklich ineffizienten Bürokratie, von der mir auch schon so oft berichtet worden war!) in Delhi ankam.

Und alles, war ich gehört hatte, war wahr: Das endlose Hupen der Autos, die erdrückende Hitze, Familien, die unter Brücken leben während andere ein durchschnittliches Jahreseinkommen in einer Nacht in einem Club vertrinken, der Geruch von Abwasser, der einem oft auch in den edelsten Gegenden entgegensteigt, all das gibt es. Aber schon nach wenigen Tagen wurde mir klar, dass die Warnungen meiner Freunde doch nur einen Teil der Realität widerspiegelten. Niemand hatte mir von den ruhigen Momenten erzählt, die ich (neben den obligatorischen Yogastunden) zum Beispiel auf dem Weg durch den Park erhaschen kann, oder auf einer nächtlichen Fahrt durch unverstopfte Strassen auf dem Motorroller, bei der mir  – endlich! – frischer Wind entgegenschlägt.

Diese Momente sind in der kurzen Zeit, in der ich hier bin, die wichtigste Art geworden, um mich in Delhi zu orientieren, auch um den Glauben daran nicht zu verlieren, dass man diese Stadt lieben lernen kann. Der Autor William Dalrymple, der mehrere Bücher über Indien verfasst hat, nennt Delhi die „Stadt der Djinns„. Für mich sind diese Djinns die Geister der Vergangenheit, die einen hier in jenen Momenten heimsuchen. Vielleicht ist man auch nur in Minuten der Stille bereit, sie wahrzunehmen. Auf dem Heimweg von der Arbeit durch den Deer Park bin ich unverhofft auf königliche Grabmale gestoßen , die zwischen den Bäumen versteckt sind und in den sich giftgrüne wilde Papageien  eingenistet haben.  Sie wurden im 15. Jahrhundert für Mitglieder der Lodi-Dynastie erbaut, wie ich später erfuhr. Auf der Scooter-Fahrt durch den muslimischen Stadtteil Nizamuddin, schlug uns plötzlich die Musik der Sufis entgegen, die am Schrein ihres Heiligen jeden Abend Qawwalis singen.

In diesen Momenten scheint die Zeit kurz stillzustehen und einem einen Einblick in die lange Geschichte dieser Stadt zu erlauben,  in die Vergangenheit der sieben Vorgänger-Städte Delhis, die an diesem Ort gestanden haben sollen (in Wahrheit waren es wohl mehr). Auch heute besteht Delhi aus vielen sehr unterschiedlichen Teilen, von den engen, menschenüberfluteten Gassen der Altstadt zu den Kolonialbauten Neu Delhis und den Beton-Shopping Malls der Vorstadt Gurgaon. Doch die Bauweise der Lodi-Gräber, die eine Mischung aus islamischen und einheimisch-indischen Elementen aufweisen, und die interkonfessionelle Tradition der Qawwalis, die ebenso von Hindus gesungen wurden und noch heute in Indien von vielen nicht-Muslimen gehört werden, erlauben es, die Gemeinsamkeiten, welche die vielfältige indische Gesellschaft verbinden, zu entdecken.

Das Thema der indischen Vergangenheit – und des gemeinsamen historischen Erbes – beschäftigt mich auch in meiner Arbeit hier in Indien. Ich helfe ich dem Indian Heritage Cities Network, einem Projekt der UNESCO, in seiner Arbeit, historische Stadtkerne zu erhalten und auf nachhaltige Weise zu erneuern. Mich persönlich interessiert hierbei besonders die Einbindung von Randgruppen wie zum Beispiel ethnischen Minderheiten und Slumbewohnern in den Erneuerungsprozess.  Die Djinns aus Delhis Vergangenheit bestärken mich in dem Glauben daran, dass ein partizipatorischer Ansatz in der Wahrung der Vergangenheit  wichtig ist, denn sie sind es, die diese vielteilige Stadt – trotz all ihrer negativen Seiten und Konflikte – zusammenhalten.