26. August 2013

#DirenGeziParki: Eine Stadt im Widerstand

Am 28. Mai protestierten friedliche Bürgerinnen und Bürger gegen die geplante Fällung von fünf Bäumen im Gezi­Park in Istanbul. Das massive Einschreiten staatlicher Sicherheitskräfte entfachte eine Protestwelle, die innerhalb eines Tages mit bis zu zwei Millionen Kurznachrichten unter dem Hashtag #DirenGezi­ Parki, „Leiste Widerstand Gezi­Park!“ für Aufsehen sorgte. Bis heute hält diese Protestbewegung an und weitet sich stetig thema­tisch aus. Die Umgestaltung Istanbuls unter der derzeitigen AKP­ Regierung geschieht alles andere als spannungsfrei.

Der strenge, zielorientierte und doch leere Blick ist auf das Atatürk Transparent auf dem Atatürk Kültür Merkezi gerichtet. Hände in der Hosentasche, ein lässiges weißes Hemd und ein Schulrucksack. Der Blick weicht nicht ab und es scheint, als wäre der Mann in einem Trancezustand. Immer mehr neugierige Passanten gesellen sich schweigend dazu. Binnen weniger Stunden sind es Hunderte. #DuranAdam, der stehende Mann, versinn­bildlichte die kollektive Stimmung der Unterstützer des Gezi­ Protestes. Er stellte eine Wende in der Protestkultur um Gezi dar. Während anfänglich Parolen, Graffiti und satirische Comic­figuren dem Protest Ausdruck verliehen, leitete #DuranAdam eine gewisse Resignation ein. Nach unverhältnismäßiger Polizei­gewalt, juristischer Willkür, hetzerischer Rhetorik, Cyber­Terror und blacklisting von sozialen Medien sowie dem Tod von sieben friedlichen Demonstranten herrschte innerhalb der Bevölke­rung eine Lähmung, die ihren symbolische Ausdruck in dem passiven Widerstand von #DuranAdam fand. Die zivile Pro­testwelle nahm ihren Lauf und verlagerte sich zwischenzeitlich auf Grünflächen, wo man sich landesweit zu kollektiven Dis­kussionsrunden über bürgernahe Regierungs­ und Beteili­gungsformen und zu Solidaritätsbekundungen traf. Neue Formen der Begegnung und Partizipation entstanden.

Was ist eigentlich geschehen in der Türkei, wo die Regierung vor knapp anderthalb Jahren mit großer Mehrheit gewählt wurde und ein Wirtschaftswunder entfesselte, in einem Land, das vielerorts als Vorbild für säkulare Demokratie im Nahen Osten galt? Die Gezi­Proteste boten nicht nur Anlass für aktive Protestkunst auf den Straßen, sondern auch für politisierende Zwischenrufe in Fußballstadien und Schulhöfen. #GEZI war im Alltag der Menschen angelangt. Der rapide Verlauf der Ereignisse, die anfänglich über soziale Medien auf breite Öffent­lichkeit stießen, schlug sich auch im raschen Wandel der politi­schen Rhetorik nieder. Entlang der Grenzen zwischen „Uns“ und „Euch“ wurden politische Narrative konstruiert, die ein Land, welches ohnehin geteilt ist, zum Brechen spaltete: Nach Erdogans Bilanz nämlich in 50 % regierungsbefürwortender Wählerinnen und Wähler und die „Anderen“. Zu diesen „Anderen“ gehörten ausschließlich Marodeure, Betrunkene, Chaoten, Plünderer und Terroristen. Investigative Journalisten, Rechtsanwälte, die frei­willig Nachtdienste einlegten, um Demonstranten im Untersu­chungswahn zur Seite zu stehen und Ärzte, die verletzten Demonstranten auf den Straßen halfen, gehörten ebenso der Kategorie der „Anderen“ an.

1/2Proteste im Gezi Park © Cem Czwerwionke
2/2Proteste im Gezi Park © Cem Czwerwionke

Urbane Transformation als Brennpunkt ideologischer Konflikte

Es war eine Reihe großformatiger Infrastrukturprojekte, die neben dem Alkohol­, Versammlungs­ und Abtreibungsverbot das Fass zum Überlaufen brachte. Die städtische Umgestaltung wurde zum Merkmal der AKP­ Regierung, die neben der Gentrifizierung von ethnisch pluralistischen Stadtgebieten wie Tarlabaşi und Sulukule eine dritte Bosporus­ Brücke sowie das umstrittene Projekt „Kanal Istanbul“ plante und die Privatisie­rung von öffentlichen Räumen und Einrichtungen in die Wege leitete, darunter auch der historische Bahnhof Haydarpaşa. Der Erfolg der AKP sollte sich in der Errichtung und Einweihung von neuen Gebäuden, Straßen und Brücken widerspiegeln. Das Feuer entbrannte schließlich an der Räumung des Gezi­ Parkes, welcher der Rekonstruktion einer Kaserne aus osmanischer Zeit weichen sollte.

Die Stadt wurde in den Sog der spontanen Protestkunst gezogen. Politische Unruhe, Chaos und Wiederaufbau spiegelten sich in der urbanen Landschaft wider. Der Kulturkampf zwischen den verschiedenen politischen und religiösen Lagern in der Türkei wurde auf den Kampf um das Stadtbild der Millionenmetropole verlagert. Es galt, sie muslimischer zu machen. Ankara plante auf Çamlica, einem der sichtbarsten Hügel Istanbuls, eine Riesen­moschee im Baustil des 16. Jahrhunderts zu errichten. „Die Baubranche ist AKP ­Branche“, hieß es in Kreisen der Stadt­planer. Die Debatte in der Zivilgesellschaft über Nutzungsweisen des öffentlichen Raumes – wie zum Beispiel Grünflächen, die im Namen der urbanen Transformation zum Opfer großer In­frastrukturprojekte wurden – zeigen, dass es um mehr als nur ein paar Bäume geht. Über drei Legislaturperioden der AKP­ Regierung beobachtete diese Öffentlichkeit den Aufstieg einer neoosmanischen und neoliberalen Ästhetik. Die Privatisierung des öffentlichen Raums, die Vertreibungspolitik der Alternativen, angeführt durch kapitalgesteuerte Bauunternehmen, die Gentri­fizierung sowie die perfide Mischung mit kapitalistischer Moder­ nisierung nähren den Widerstandsgeist.

Alternative Nutzungsweisen des öffentlichen Raumes als Widerstand gegen den Staat

Die Gemeinschaft auf dem Taksim ­Platz setzte starke Signale, für welche Art von öffentlichem Raum sie einstand. Eine öffent­liche Bücherei, hippe Volksküchen in Zeltnachbarschaften sowie wilde Gärtnereien entstanden scheinbar aus dem Nichts. Die Politisierung des öffentlichen Raumes gab der Protestbewegung ihre große Ausstrahlungskraft und ihr Mobilisierungspotential. Der Taksim glich zeitweilig einem Volksfest, zu einem anderen Zeitpunkt schien er ein Abbild des Tahrir­ Platzes zu sein.

Schwul, lesbisch, kurdisch, ultranationalistisch, kemalistisch, muslimisch, atheistisch, anarchistisch – alle tummeln sich in derselben Masse. Der pensionierte Großvater mit einer Türkei­fahne, auf der Atatürks Bild platziert ist, hält die Hand eines jungen Mannes, der die kurdische Nationalflagge mit der Auf­schrift „Freiheit für Öcalan“ trägt. Dieser Augenblick, der vor wenigen Monaten nicht vorstellbar, geschweige denn aussprech­bar gewesen wäre, brennt sich fotografisch in das kollektive Gedächtnis einer Generation. Gerade aus solchen Szenen, die unerwartete Fusionen verfeindeter Gruppierungen festhalten, geht die Magie und das Charisma der #DirenGeziParki Bewe­gung hervor. Eine Atmosphäre der Freiheit, des Wandels sowie der Forderung nach Rechenschaft waltet über dem Taksim­ Platz. Die Massaker in Uludere im Dezember 2011 stehen ge­nauso auf der Tagesordnung wie das blutige Bombenattentat in Reyhanli nahe der syrischen Grenze im Mai diesen Jahres. Auch wird daran gedacht, dass die Stufen im Gezi­Park zum Armenischen Surp Agop Friedhof gehören, welcher 1930 der Istanbuler Rundfunk­ und Fernsehanstalt weichen musste.

Wir werden Zeugen davon, wie sich eine Zivilgesellschaft aus eigenen Kräften versucht zu demokratisieren. Mit dem Eintreten des praktizierten Nichteinverstandenseins bricht Hoffnung auf etwas Neues aus. So schrieb Nazim Hikmet, ein türkischer Literat im Exil:

„Leben

Leben wie ein Baum

Einzeln und frei

Und Brüderlich.

Wie ein Wald

Das ist unsere Sehnsucht.“