20. November 2019

Wie bist du nach Deutschland gekommen? Der Sprachkurs A2.2 in Berlin

Reichstag. Rima, 16 Monate in Berlin, war noch nie am Brandenburger Tor.
Bado hat seinen Selfie-Stick dabei.
Ihre Ausweise, zweimal gefaltetes Papier: Flüchtlingspässe.
Ich komme mir komisch vor mit meinem Personalausweis.
In die Kuppel steigen wir alle.

Die ältesten „TeilnehmerInnen“ sind über 60. Sie fehlen nie. Majda hat an der Universität Damaskus als Bauingenieurin unterrichtet und ihr Mann Mohamad war Agrarwissenschaftler. Sein Lieblingsbuch ist “Krieg und Frieden”.  Sie haben Dienstreisen ins Ausland gemacht. Damals vor dem Krieg. Sie sitzen im Kurs nebeneinander und brühen sich in der Pause Tee in Marmeladengläsern.

Daneben sitzt Waris. Links außen. Helle Augen, schönes Gesicht, durchtrainierter Körper, weiße Sportschuhe. Er trägt ein Basecap, raffiniert lugen ein paar Haarsträhnen hervor, verdecken seine Stirn. Am linken Handgelenk sitzt eine glänzende Uhr und rechts leuchtet ein türkisfarbener Ring. Sein Bleistift ist nicht angespitzt. Ich ermuntere ihn zum Anspitzen. Sein Name steht krakelig zwischen den anderen auf der Liste für unsere Exkursion in den Bundestag. Daneben das Geburtsdatum: 5. Oktober 1999. Jünger als meine Tochter. Und schon vier Jahre hier.

Manchmal beschleicht mich im Unterricht ein Gefühl von Stillstand, wenn ich müde einen Satz an die Tafel schreibe. Ich schreibe mit bleiernem Arm, als würde es nie aufhören. Ich habe schon sieben Stunden hinter mir und alles schon hundert Mal erklärt. Sie machen keine Fortschritte, ich habe keine Geduld mehr. Es geht extrem langsam.

Waris spricht ganz leise und liest mit großer Mühe, formt die Wörter beim Lesen halblaut, rät. Er hat bereits 1000 Stunden gelernt und ein Jahr in der Kita als Koch gearbeitet. Unentgeltlich. Beide Eltern sind tot. Flucht aus Afghanistan, zunächst in den Iran, nach Teheran; harte Arbeit und viele Schläge. Er hat einen kleinen Bruder, 14 Jahre alt. Den hat er bei einem Kollegen untergebracht, er lebt in dessen Familie, geht zur Schule. In Kundus. Er hält mir sein Handy hin, mit Nachrichten aus Afghanistan und fragt: „Was bedeutet ‚Verhandlungen‘?“

Hinten rechts meldet sich Makoye. 11. Februar 1999 steht neben seinem Namen in der Liste. Er lernt schnell. Kam erst später hinzu und trug in den ersten Wochen immer eine rote Mütze, die wippte, wenn er sprach. Er schreibt gern an der Tafel: klein aber fehlerfrei. Ein ganz schmaler Junge.

Wie lange er hier sei, fragen die anderen.

Neugier und weitere Nachfragen.

Nach der Pause fallen ihm die Augen zu. Seine Schicht in der Großküche beginnt um 5:30 Uhr. Teller in den Geschirrspüler, Essen in die Paletten, zur Verteilung vorbereiten. Makoye wohnt im Heim, mit zwei anderen Männern aus Guinea teilt er sich Küche und Bad. Niemand will nach dem Kochen die Teller spülen. Manchmal gibt es Streit.

„Ich bin allein hier. Meine Frau und meine drei Kinder sind noch in Guinea. Ich denke jeden Tag an sie.“ Makoye wurde mit 15 Jahren verheiratet. Da alle Brüder seines Vaters im Kindesalter verstarben, musste er so früh heiraten.

Khazurt sitzt neben Makoye und trägt immer eine Kopfbedeckung. In Tschetschien war er Fahrer. Ein stiller Mann. Er hat vier Kinder, zwei von ihnen spielen Fußball im Verein. Ein Sohn geht in eine spezielle Schule für sehbehinderte Kinder. Khazurt hat sein Deutsch in den Krankenhäusern der Republik gelernt. „Die beste Augenklinik ist in Essen“, schwärmt er. „Sehr gute Ärzte.“ Alle sechs Wochen geht es zur Behandlung. Schriftlich hapert es bei ihm noch sehr. Er schreibt nicht gern an der Tafel, in der Pause geht er zum Gebet ins Treppenhaus.

Ich muss mein Bein zwischendurch hochlegen, nach einem Meniskusriss gehe ich zwar wieder arbeiten, aber Treppensteigen und langes Stehen bereiten mir Mühe.

Ali macht nach dem Kurs immer die Tafel sauber. Ob er zu Hause auch so viel hilft? Ali war Banker, er spricht fließend Englisch, aber das Deutsche kriecht nur ganz langsam in seinen Kopf. Seine Frau Taima war nie in der Schule, sie tut sich schwer. Kann schwierige Wörter nicht entziffern. Haft-pflicht-ver-sicherung. Wir sprechen im Chor.

Im Kurs sitzt auch Hossam, er hat elf Geschwister, sein Vater hatte vier Frauen. Alle wohnten in nebeneinanderliegenden Häusern und konnten sich über den Hof besuchen. Hossam ist Bauarbeiter, wie sein Vater. Seine Frau arbeitet in Berlin in einer Fischfabrik, manchmal bis 18 Uhr. Dann holt er die Kinder ab.

Ehab ist mündlich sehr aktiv und kennt viele Wörter. Er war nie in der Schule. In Afghanistan hat er Möbel für Hochzeitssäle ausgeliefert. Der letzte Terroranschlag während einer Hochzeitsfeier liegt nicht lange zurück. Es gab Fotos im Netz: Ein riesiger Saal mit zerfetzten Möbeln. Davor leitete Ehab in Pakistan eine Firma, die Schuhe herstellte. Zwischenzeitlich war er noch bei der Polizei. Jetzt hat er einen Assistentenjob beim Hausmeister im Heim.

Nasser ist so alt wie ich. Er ist schon lange dabei, macht Fortschritte und sogar Hausaufgaben, aber er schreibt mit großer Mühe. Er kam letzte Woche im neuen Jackett. Er ist neun Jahre zur Schule gegangen und danach fünf Jahre auf die Polizeischule. Er war dann 20 Jahre lang Polizist in Tripolis. Jetzt baut er in Berlin Terrassen aus. Sein ältester Sohn ist blind. Mit fünf wurde er das erste Mal in Berlin behandelt. Nun ist er 17, liebt Computer und kann mit Stock allein durch Berlin den Weg zur Schule finden.

Saad ist kurdischer Jeside aus Armenien, er hat seinen Vater erst mit drei Jahren kennengelernt. Denn der war im Krieg in Bergkarabach. Die Jesiden werden auch heute, so sagt er mir, in Bergkarabach in der ersten Frontlinie verheizt. Er spricht am besten Deutsch von allen. Auf dem Weg zum Bundestag, in der U-Bahn, spricht er einen Mann mit Hund an. „Wie heißt er denn?“ Saad ist gelernter Friseur, sein Diplom trägt er immer bei sich. Er hatte einen guten Job in der Schweiz. Bei einer Rückkehr nach Armenien droht ihm Wehrdienst.

Samira war heute wieder mal nicht da. Sie fehlt oft, sitzt, wenn sie da ist, ganz still immer auf demselben Platz. In ihrer Freizeit hört sie Rammstein. Tochter Dina (15) ist eine begnadete Fußballerin. Beim letzten Punktspiel für den FC Lübars hat sie den Ball ins Gesicht bekommen und musste ins Krankenhaus. Auf dem Foto recken die Mädchen in grünen Trikots die Arme hoch, der Trainer liegt vor ihnen, jubelnd. Sie wird weiterspielen.

Meine Kollegin und ich haben mit dem Kurs ein Jahr lang hart gearbeitet: viermal pro Woche von 13:15 bis 16:30 Uhr. Auch wir werden weitermachen. Schreiben müssen wir besonders üben.

Was wünschst du dir?
Einen deutschen Freund.

Nach der Prüfung gab es dicke Luft an der Volkshochschule im Bereich Deutsch als Fremdsprache. Die Chefin schäumte. Desaströs, keine/r aus unserem Kurs hatte die A1-Prüfung bestanden.

Heute unterrichtet Rita. In ihrer Nachricht klingt sie froh, es heißt, sie säßen gebeugt und hochkonzentriert über ihren Aufgaben. Im Dezember wartet die nächste Prüfung: A2.

Alle Namen und Daten wurden von der Redaktion geändert.
Der Text wurde redigiert von Maria Blöcher.