25. Februar 2012

Jordanischer Frühling

„Hinter jedem Winter steckt ein zitternder Frühling und
hinter dem Schleier jeder Nacht verbirgt sich ein lächelnder Morgen.“

Khalil Gibran, libanesischer Maler, Philosoph und Dichter

Draussen scheint die Sonne. Der Himmel ist strahlend blau. Da es noch vor einer Stunde stark regnete, sind die durch Abgas und Abfall hervorgerufenen Geruchsnoten, welche sich normalerweise überall zwischen den Häusern Ammans verbreiten, für einmal nicht ganz so stark. Ja, es kommen sogar Frühlingsgefühle auf, auch wenn ich mir nicht sicher bin, ob der neue Duft den nur noch spärlich vorhandenen Zeichen der Natur in dieser Grossstadt entspringt, oder doch eher meinem Vorstellungsvermögen, welches sich nach dem Duft von frischem Gras sehnt.

Der Frühling zeigt sich hier in Jordanien jedoch nicht nur in Form von April-Wetter im Februar. Auch die politischen Gegnerinnen und Gegner des Königs scheinen aus einer Winterschlaf ähnlichen Trance erwacht zu sein. Zugegeben, der arabische Frühling zeigte bereits letztes Jahr auch in Jordanien seine Wirkung. Durch gezielte Zugeständnisse schaffte es König Abdullah II. bin al-Hussein jedoch geschickt, die Opposition in Schach zu halten. Folglich halten sich die Freitags-Demonstrationen vor der Al-Hussein Moschee, welche nun seit über einem Jahr wöchentlich einige Hundert mehrheitlich männliche Demonstranten zusammenbringen, in Grenzen.

Nichtsdestotrotz hat sich während der letzten Wochen Einiges verändert. Im nördlichen Nachbarland Syrien übertrifft die Gewalt, welches das Asad-Regime gegenüber seiner eigenen Bevölkerung anwendet, jegliches Vorstellungsvermögen. Der zum grössten Teil von palästinensischen Flüchtlingen bewohnte Gazastreifen wird nur noch während ungefähr vier Stunden pro Tag mit Strom versorgt. In Klassen von 40 Schülerinnen oder Schüler versuchen palästinensische Kinder, frierend in nicht beheizbaren Containern dem Unterricht zu folgen – und wissen, dass sie in den selben Containern im Sommer vor Hitze zergehen werden. Weiterhin schlagen regelmässig von Gaza abgefeuerte Raketen auf israelischem Territorium ein und der Besetzer schlägt mit voller Wucht zurück – oder sind es doch die Palästinenser die sich gegen israelische Bomben wehren? Die berühmte Huhn und Ei-Frage, welche zu unendlichem Leiden der Zivilbevölkerung führt. Dazu kommt das gespannte Verhältnis zwischen Iran und Israel – wird es einen (Atom-)Krieg geben?

Der arabische Frühling sowie weitere politische und ökonomische Entwicklungen in der Region gehen an Jordanien nicht spurlos vorbei. Hotels waren auch im Januar und Februar ausgebucht, da sich libysche Kranke und Verwundete in jordanischen Spitälern operieren und pflegen lassen. Reiche Syrierinnen und Syrer wollen sich in Amman niederlassen. Sei es nun eine Folge dieser Entwicklungen oder ganz einfach Frustration – sowohl Regierungskritiker als auch -befürworter tun ihre Meinung immer offener kund – und sind immer mehr auch bereit, Gewalt anzuwenden. Letzte Woche wurden eine Bloggerin und ein weiterer Regierungskritiker tätlich angegriffen. Die Polizei schliesst offiziell einen Zusammenhang mit ihren kritischen Aussagen ab.

Es bleibt nur zu hoffen, dass sich die schwarze arabische Nacht in einen lächelnden Morgen verwandelt und auf den zitternden Frühling ein langer Sommer folgt.