13. Oktober 2011

Kahwet Leila.

So heisst ein traditionelles Kaffeehaus aus den 1920ern in einer Hauptstadt, die am Mittelmeer ansiedelt und das Herz unser einer als Europäer durch die Vielsprachigkeit seiner Bürgerinnen und Bürger erobert. Kahwet (Kahva, Kaffee) Leila befindet sich nur wenige Meter entferntvom Goethe-Institut, in einem sich gentrifizierenden Stadtteil names Gemmayzeh und strahlt durch seine Fensterfront eine einladende Herzlichkeit auf die Passanten aus. Leila, so heisst nach der Geschichte dieses postmodernen Lokals eine Schönheit aus dem Dorf, welche mit den Kochkünsten ihrer Großmutter aufwächst und in jungen Jahren in die Hauptstadt kommt um auch jungen Generationen die traditionelle Küche mit all seinen Köstlichkeiten von Fattet Hommos (Kichererbenmus mit libanesischem Saj-Brot, frischem Yoghurt, Knoblauch und Pinienkernen) über Ajban wa Alban (gebackener Halloumikäse mit Yoghurt) bishin zu Tabbouleh (gemischter Salat mit Petersilie, Tomaten, Zwiebeln und Zitronendressing) näher zu bringen. Heute erfüllt Kahwet Leila eigentlich genau den gesamtgesellschaftlichen Auftrag, das in einem Land, in dem 15 Jahre Bürgerkrieg herrschte und die Erinnerungen an das kollektive Trauma allgegenwärtig ist, von Nöten ist: Sie heilt die Wunden, indem sie Brücken zwischen Vergangenheit und Gegenwart, Tradition und Moderne, Alt und Jung schlägt. So heißt es auch im globalen Netz sehr trefflich, dass “Leila brings back cherished recollections of the old times that are carved in memory; revoking a time when people of all social classes met to play backgammon, smoke narguileh, drink coffee and have a good time with friends.” Hier treffen Sie auf eine Vielfalt, die meine Erfahrungen der ersten Wochen symbolisch in einem Raum vereint: während der Nachbartisch von Französisch auf Arabisch switcht, der hintere Tisch Englisch spricht und Backgammon spielt und die Sitznachbarin als Einzige (!) am Tisch „erfahren“ an ihrer Narguileh raucht, herrscht eine geordnete Unordnung im Raum, eine permanent hektisch-vital wirkende Aufbruchstimmung, fast so als gelte es den Moment zu erhaschen, weil das Leben hier zu schnell an einem vorbeistreift..

Meine erlebte Lebensfreude und schnelle Beigeisterungsfähigkeit sowie nie enden wollende Wissbegierde alles auf Arabisch zu erfragen und dabei auch an die Geduldsgrenzen meiner lieben Mitmenschen zu geraten, stößt  spätestens dann auf ein Lächeln, wenn ich auf meine Türkisch-Deutschen Wurzeln zu sprechen komme. Während das erstere auf Begeisterung der Türkei gegenüber führt und insbesondere auf Istanbul und das Osmanische Reich zurückzuführen ist, schwärmt man beim letzteren über den hohen Lebensstandard und zeigt u.a auch ein reges Interesse Bismarck gegenüber. Dies bedarf weiterer Forschung.

Ab und an nippe ich an meinem neuen Lieblingsbier Almaza. Almaza, welche seine Geburtsstätte als ein Ort an “proud nation, a constant celebration of life and most of all, a land of exceptional stories” beschreibt, wurde im Jahre 1933 seitens einer Frau “Diamond” (Arabisch: Almaza) benannt und gilt auch heute als leichtes kostbares goldenes Gut. Die aktive Community ist gut vernetzt und jeder kennt jeden, sodass es auch nicht lange dauerte bis ich über einen sehr guten Freund aus den Staaten an den Brandmarketing Manager von Almaza gelang … Almaza durchlief nach dem Bürgerkrieg eine starke Reorientierungsphase, sinnbildlich für alle 18 (!) offiziellen Sekten in diesem Land und wollte mit der Vergangenheit Frieden schliessen und definierte sich „neu“. Interessant ist, dass dieses „Neu“ stets einen nostalgischen Bezug zur Vergangenheit enthält und im übertragenen Sinne dieses Gefühl der Hoffnung den Blick nach Vorne bestimmt mit einem tiefen Bewusstsein über die politische und ökonomische Ungewissheit des Libanons im Nacken sitzend.

Wenn nun einige unter euch die berechtige Frage stellen, wieso ich meinen Bericht über meine erste Stage einer Schleichwerbung für ein Restaurant und einem Bier widme, den bitte ich für einen Augenblick sich zurückzulehnen und sich zu fragen wo ich gerade bin. Ich bin nicht in New York, Berlin, Hong Kong, Barcelona oder irgendeiner anderen Meteropole eines hochentwickelten, um nicht zu sagen westlichen Landes. Ich bin in der Hauptstadt eines Postkonfliktlandes, welches von politischen spill over Effekten seiner Nachbarländer Syrien und Israel stets heimgesucht wird und von einer mulikonfessionellen, -ethnischen sowie multikulturellen Gesellschaft geprägt ist und trotzdem oder gerade deswegen mit seiner Hauptstadt das Herz unser einer Europäer im Nu erorbert. Das verdient eine Betrachtung gemäß der schönen Seiten des Lebens, welche mehrheitlich von meinen libanesischen Mitbürgerinnen und Mitbürgern getragen und als Motor des Lebens wahrgenommen werden. Bad stories not always sell, vor allem nicht im Libanon und noch weniger in Beirut. Das verdient einen heiden Respekt – Chapeau!

Weiterführende Links: http://www.ragmag.co/cat/new-and-now/kahwet-leila-opens-its-doors-in-gemmayze