10. November 2014

Von der weißen Minderheit auf den Malediven

Strahlend weiße Sandstrände, kristallblaues Wasser, Palmen und bunte Korallen. Malerischer und stereotyper geht’s nicht – so stellen wir uns das Urlaubsparadies Malediven vor. Doch was wissen wir eigentlich über den kleinen Inselstaat? Mal ehrlich: Nix, oder?


Das einzige, was ich bis vor ein paar Monaten über die Malediven wusste: Die saufen irgendwann ab. Nun, da ich seit schon über einem Monat für die Ständige Vertretung der Malediven bei den Vereinten Nationen in New York arbeite, weiß ich mehr. Natürlich sitzen wir nicht den ganzen Tag im Büro und knabbern aus Angst vor dem Klimawandel an den Fingernägeln. Doch täglich reden und schreiben wir darüber, dass der anthropogene Klimawandel dafür sorgt, dass der Meeresspiegel steigt. Dadurch sind tiefgelegene Küsten weltweit von Überschwemmung bedroht. Bei den Malediven, wie bei vielen anderen kleinen Inselstaaten, werden der Klimawandel und seine verheerenden Folgen zur existentiellen Bedrohung.

Mehr als drei Viertel der fast 1.200 Inseln des Archipels liegen gerade mal einen Meter über dem Meeresspiegel. Wenn die internationale Staatengemeinschaft nicht bald entscheidende Schritte unternimmt, um dem Klimawandel Einhalt zu gebieten, sprich den Ausstoß von Treibhausgasen drastisch reduziert, dann stehen die Malediven am Ende des Jahrhunderts wohl tatsächlich vor dem Untergang. Über 320.000 Menschen verlieren ihre Heimat und werden zu Klimaflüchtigen. Die Heimat meiner Kollegen und ihrer Kinder. All diese Fakten laufen uns immer wieder über den Weg, treffen uns aber nicht wirklich, zu weit weg, geographisch und in der Zukunft, none of my business. Fatal.

Doch die Malediven wollen keineswegs Opfer sein. Spätestens seit dem preisgekrönten Dokumentarfilm The Island President weiß das internationale Publikum, dass das kleine Land den drohenden Klimaveränderungen den Kampf angesagt hat. Vielmehr verstehen sie sich als Vorreiter in der Anpassung an den Klimawandel, was bei begrenzten Ressourcen natürlich nicht einfach ist. Leadership zeigen, um das Schlimmste zu verhindern.

Aber wie kommt das nun zustande, dass eine Deutsche für die Malediven arbeitet? Dank der Organisation Islands First! Dort stehen die kleinen Inselstaaten ganz oben auf der Agenda – immer. Die Mitarbeiter von Islands First beraten kleine Inselstaaten, forschen und vermitteln junges, motiviertes Personal an die Vertretungen der Inselstaaten. Mangels Ressourcen sind die Politik- und Rechtsberater auch herzlich willkommen und erhalten große Verantwortung. Vanessa Tiede aus Berlin ist Beraterin und sitzt für die Malediven, wie eine Diplomatin, im ersten und vierten Ausschuss der Generalversammlung. In ihrer Masterarbeit wird sie sich aus einer völkerrechtlichen Perspektive mit den kleinen Inselstaaten beschäftigen. Nachdem sie Islands First gefunden hatte, bewarb sie sich sofort. „Das war einfach die komplette Offenbarung“, sagt Vanessa, die nun nach vielen Model United Nations-Simulationen in echten Ausschüssen sitzt, täglich Bericht an das Außenministerium in Malé erstattet und Reden schreibt.

Die Erfahrung bei den Inselstaatlern ist einzigartig – und ungewöhnlich. Natürlich glaubt kein Mensch, dass wir für die Malediven arbeiten. Denn wir sehen einfach nicht so aus. „Du, mich haben heute Leute gefragt, ob es denn auf den Malediven irgendwie eine weiße Minderheit gibt“, sagte Vanessa neulich zu mir. Hinter dem Malediven-Schild vermuten die Kollegen einfach ein anderes Erscheinungsbild. Zugegeben: Bei vier deutschen Beratern darf man sich schon mal wundern. Damit stellen wir 30 Prozent des Personals der Ständigen Vertretung. So sorgen wir in den Vereinten Nationen für Verwirrung. Das macht uns großen Spaß, und dadurch haben wir auch immer gleich ein gutes Gesprächsthema. „You don’t look much like G77“, sagte mal ein Kollege in einem informellen Meeting der G77 zu mir, der mich noch nicht kannte. Er war sich ziemlich sicher, dass ich mich im Raum geirrt hatte und wollte das auch gleich klarstellen; denn G77-Treffen sind geschlossen und Personal aus Industrienationen darf da nicht rein. Gleichzeitig erkundigte sich die Sitzungsleiterin bei Kollegen, ob ich denn ein Spion sei. Eine herrliche Situation, die ich immer noch zum Schreien finde! 🙂