29. April 2012

Von linguistischen, politischen und sonstigen Herausforderungen in Kirgisistan

Zwei Tassen Tee, der Wasserkessel auf dem Gasherd pfeift noch. Die Abendsonne scheint durch das Küchenfenster und taucht das Gebirge am Horizont in rotes Licht. Draußen im Hof spielen Kinder, lachen und rufen wild durcheinander. Es klopft an der Tür. Meine Russischlehrerin kommt.

Seit Februar lebe und arbeite ich in Bischkek, Kirgisistan – und feile nebenbei an meinen Russisch-Sprachkenntnissen. Letzteres mache ich mit Nuria, einer kirgisischen Mittfünfzigerin. Sie hat in Moskau studiert, arbeitet als Dozentin an einer Universität in Bischkek, hat erwachsene Kinder und ist geschieden. Der Unterricht mit mir ist ein Nebenverdienst, der ihr monatliches Gehalt von umgerechnet ca. 400 Euro merklich aufbessert. Vielleicht spart sie auch ein bisschen für ihre Rente, denn die wird sicherlich auch nicht sehr großzügig ausfallen.

Nuria verschafft mir eine andere Perspektive auf Land und Leute, neue Einblicke und die ein oder andere höchst komplizierte Frage. Oft sitzen wir gemeinsam in der Küche und führen hitzige Debatten über die Rolle der Frau in Kirgisistan, über die Sowjetzeit als „alles besser war“, oder darüber, ob bürgerliche und politische Rechte oder wirtschaftliche und soziale Rechte wichtiger sind. Wir lachen gemeinsam über die Vorstellung einer kirgisischen Frauenbewegung nach dem europäischen Modell der 1960er Jahre – und über den Vorschlag meiner Lehrerin, politische aktiv zu werden. Und wir weinen – nun gut, es war allein Nuria, die Tränen in den Augen hatte, als sie mir eine Geschichte des kirgisischen Schriftstellers Tschingis Aitmatow nacherzählte. Und bei alldem kommt immer wieder die Frage auf, warum Kirgisistan so arm ist, und warum es uns in Europa so viel besser geht. Das verständnislose, verzweifelte „Warum, Silvia?“, lässt meine sowieso begrenztes russisches Ausdrucksvermögen endgültig versiegen. Ja warum eigentlich? Eine Antwort auf solch eine Frage habe ich natürlich nicht. Für mich ist schon allein das Verstehen der aktuellen Situation des Landes mit seinen vielzähligen Konflikten und Spannungen eine Herausforderung.

Man kann, wenn man meiner Russischlehrerin zuhört, ein sehr düsteres Bild des Landes zeichnen: wirtschaftliche Schwierigkeiten, abnehmende landwirtschaftliche Produktivität, Landflucht, Immigration und „brain drain“, mangelnde politische Kultur, Vetternwirtschaft und Korruption. Hinzu kommen geostrategische und regionale „Herausforderungen“. Amerikanische und russische Militärbasis im Land liefern Stoff für Diskussionen und die Rohstoffindustrie mit chinesischen, kanadischen (und vielen anderen) Minen tut ihren Teil dazu. Ein Großteil der Grenzen mit den Nachbarländern Tadschikistan und Usbekistan sind umstritten und nicht endgültig definiert. Was während der Sowjetunion kein Problem war, führt heutzutage regelmäßig zu Spannungen und handfesten Konflikten, wenn z.B. Hirten ihre Tiere weiden lassen und die „Staatsgrenze“ überqueren. Zunehmend ins Blickfeld der Entscheidungsträger gerät der Truppenabzug aus Afghanistan und die möglichen Konsequenzen, die ein verminderte Präsenz des Westens auf die regionale Stabilität haben könnte. Schon heute ist das Fergana Tal und ins besondere Osch ein wesentlicher Umschlagplatz für Drogen und Waffen aus Afghanistan. Aktivitäten radikal-islamischer Gruppen und Spannungen zwischen moderaten, konservativen und radikalen islamischen Gruppierungen können eine potentiell gefährliche Mischung ergeben.

Dabei ist letzterer Punkt gar nicht im Blickfeld meiner Lehrerin Nuria. Nachrichten im Fernsehen schaut sie ganz selten – und wenn dann auch nicht die kirgisischen sondern die russischen Nachrichten. Generell wären ihr aber auch diese zu negativ. Sie ist, wie sie selbst sagt, politisch nicht interessiert und repräsentiert mit dieser Einstellung einen Großteil der Bevölkerung, der sich, müde der Agitation, nichts sehnlicher wünscht als Stabilität. Zeitgleich sind Proteste und Kundgebungen an der Tagesordnung. Vor kurzem hat sich ein Rentner auf dem zentralen Platz in Osch, der zweitgrößten Stadt Kirgisistans, im Süden des Landes verbrannt. Der Grund für den Selbstmord war, wie eine vom ihm stammende Notiz erklärte, seine Unzufriedenheit mit den andauernden Protesten gegen die Regierung.

Trotz des selbsterklärten politischen Desinteresses meiner Lehrerin; um die interethnischen Spannungen und Konflikte kommt auch sie nicht herum. Aus Osch stammenden, hat Nuria die gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen Usbeken und Kirgisen miterlebt. Umso erstaunlicher ist es, wie neutral und unparteiisch sie über den Konflikt erzählt. Oft sind auch gebildete Kirgisen in der Hauptstadt nicht immer ganz objektiv und stereotypen-frei in ihrem Bild über die anderen ethnischen Gruppen – oder generell, die aus dem Süden-stammenden Menschen. Letzteres bringt mich zu den steigenden Spannungen zwischen Nord und Süd, mit einem Bürgermeister in Osch, Überbleibsel des Bakiew Regimes, der heftig gegen die Regierung wettert. Besorgt sprechen meine Kollegen von einer separatistischen Stimmung und möglichen Abspaltung des Südens, was mir aber zur Zeit doch noch etwas fern scheint. Nuria habe ich dazu noch nicht befragt. Ein spannendes Thema für die nächste Unterrichtsstunde, welches das anstehende Üben des russischen Gerundivs erträglicher macht.

Am späten Abend, nach einem vollen Arbeitstag und dem Russischunterricht, frage ich mich manchmal, wie die vielen „Consultants“, die für ein-zwei Wochen nach Kirgisistan geschickt werden, all dieses Dynamiken gepaart mit der Geschichte des Landes, der Kultur und Mentalität der Bevölkerung verstehen können und in ihren Analysen und Projektvorschlägen berücksichtigen können. Die Antwort des internationalen Entwicklungsapparats auf die geschilderten Herausforderungen und die Effektivität der internationalen Hilfe ist natürlich wieder ein anderes Thema. Ich glaube, ich bin ganz froh, dass ich darüber noch nicht mit meiner Russischlehrerin gesprochen habe…