23. Oktober 2011

Zwischen schlechtem Wetter, BuFI, EFI, HTS

Starker Wind, Regen, Minustemperaturen bei Nacht. Die begehrten Sonnenstrahlen sind so selten geworden, dass man von einem steigenden Serotoninspiegel – und somit mehr Glücksgefühl – nur träumen kann. Berlin im Herbst. Dieses Bild kann leider mit keinem exotischen Panorama konkurrieren.

So ist der Blick aus meinem Büro im Bundesministerium für Bildung und Forschung, wo ich als Mercator-Kollegiat meine erste Stage absolviere. Thema: Grundsatzfragen der Innovationspolitik in Deutschland. Das trübe Wetter hinter dem Fenster mag allerdings zu falschen Schlüssen bezüglich meines mentalen Zustandes führen. Denn: es geht mir sehr gut! Und wozu sich überhaupt Gedanken über die meteorologische Situation der Hauptstadt im Herbst machen, wenn so viel zu tun ist und mein Schreibtisch regelmäßig im Chaos der BuFIs, EFIs, HTS-Aktionspläne und anderer Unterlagen versinkt. Klingt verwirrend? So war es auch am ersten Tag für mich, als ich die oben genannten Berichte als „Bibeln des Referats“ von meiner Chefin ausgehändigt bekam. Nach deren Lektüre ist mir noch klarer geworden, dass sich die Arbeit von Dutzenden Kolleginnen und Kollegen in diesem Teil des Ministeriums im Prinzip um eine einzige Frage dreht: wie stärken wir den Innovationsstandort Deutschland? Mag zwar bisschen abstrakt klingen, ist aber ganz konkret dargelegt. In einem Dokument namens „Hightech-Strategie 2020“.

Der durchschnittliche Bürger kann mit dem „H“-Wort nichts anfangen. Der eine oder andere Zeitungsleser hat diesen Begriff vielleicht schon gehört, assoziiert ihn aber meistens mit Robotern oder Supercomputern. Dabei handelt es sich bei der Hightech-Strategie (HTS) um viel mehr als moderne Technologien. Es ist ein Gesamtkonzept, dass die wichtigsten Akteure des Innovationsgeschehens hinter einer gemeinsamen Idee versammeln soll. Technologieförderung ist neben Hochschulbildung, Grundlagenforschung, Förderung von kleinen und mittleren Unternehmen oder Schaffung günstiger Rahmenbedingungen für Innovationen (z.B. Normung/Standardisierung) nur ein Teil der HTS.

Im Laufe der ersten Wochen im Ministerium lernte ich mein Baby namens HTS durch zahlreiche Gespräche mit Kollegen, Teilnahmen an Videokonferenzen und Fachgesprächen immer besser kennen. Dies ist nötig, um meiner Aufgabe, die HTS Strategie mit der Innovationsunion der EU zu vergleichen, nachzugehen. Doch was für mich persönlich die HTS als Konzept so spannend macht, ist die Tatsache, dass sie durch innovationspolitische Trends gekennzeichnet ist, die wirklich wegweisend sind und Deutschland auf die Herausforderungen der Zukunft gut vorbereiten. Ich möchte die wichtigsten drei nennen.

Der erste Trend bezieht sich auf die HTS als das Instrument einer problemlösungsorientierten Innovationspolitik. Aufgrund großer Herausforderungen, vor denen viele moderne Gesellschaften stehen, können wir uns nicht leisten unsere Ressourcen in eine Innovationspolitik zu investieren, die nicht darauf abzielt, die dringendsten Probleme zu lösen. Das merken immer mehr politische Entscheidungsträger weltweit, es merkten auch die Autoren der HTS. Die Struktur der HTS ist auf fünf sogenannte „Bedarfsfelder“ (Klima/Energie, Gesundheit/Ernährung, Mobilität, Sicherheit, Kommunikation) ausgerichtet. Alle Projekte, die im Rahmen der HTS gefördert werden, haben einen klaren Bezug zu einem dieser Felder. Dies ist noch vor einigen Jahren keine Selbstverständlichkeit gewesen. Ein gutes Beispiel ist die Forschung. Um es zugespitzt zu formulieren: man drückte den Forschungsteams Geld in die Hand, und erst als erste Ergebnisse vorlagen, stellte man sich die Frage, was man damit eigentlich anfangen könnte.

Der zweite Trend ist die schon erwähnte Idee der Zusammenführung aller relevanter Innovationsakteure unter dem Dach der HTS. Universitäten, außeruniversitäre Forschungseinrichtungen, Industrie, kleinere und mittlere Unternehmen, aber auch Akteure aus Bund und Ländern sollen durch gemeinsame Überlegungen und gemeinsames Agieren ein innovationsfreundliches Umfeld schaffen. Dies hilft zum einen Redundanzen zu vermeiden, und kann gleichzeitig auch Synergieeffekte hervorrufen. Die HTS bietet Instrumente an, um die verschiedensten Akteure zusammenzubringen. Häufige Kontakte und Informationsaustausch können zum Beispiel dazu führen, dass Forschungsergebnisse einer Gruppe von Universitätsstudenten und Professoren an die Industrie gelangen, welche diese dann in Pilotprojekten einsetzt. Bei einer isolierten Arbeit wäre das entweder überhaupt nicht möglich oder es würde viel länger dauern.

Der dritte Trend bezieht sich auf die Idee, durch die HTS die ganze Innovationskette, d.h. von der Grundlagenforschung bis zur Vermarktung, abzudecken. Leider gibt es hier immer noch Schwachstellen, die durch eine kohärente Innovationspolitik beseitigt werden müssen. Eine davon ist die so genannte „Valley of Death“. Mit diesem Begriff bezeichnet man den Schritt in der Innovationskette zwischen der Phase des Prototyps und eines erfolgreichen Produkts. Gerade kleineren und mittleren Unternehmen läuft hier die Finanzierung aus, weil die staatliche Förderung nicht mehr verfügbar ist, während das Projekt durch kommerzielle Investoren noch immer als zu riskant betrachtet wird. Die HTS sucht hier nach Antworten und eine davon ist der High-Tech Gründerfonds.

Mit der HTS hat Deutschland eine wirklich gute Vision für seine Zukunft als Innovationsstandort. Diese Vision muss jetzt Schritt für Schritt umgesetzt werden. Deshalb macht es Sinn als Mercator-Kollegiat bis zum späten Abend im BMBF-Büro zu sitzen, seine Arbeit zu machen und somit einen kleinen Beitrag zu einem großen, wichtigen Projekt zu leisten. Und während der Wind draußen bläst und die Scheiben sich mit Regentropfen bedecken weiß man einfach, dass man hier im Büro an der richtigen Stelle ist. Dass als Alternative zu meinem Büro der exotische Strand fehlt, der für einige Kollegiatinnen und Kollegiaten in weiten Teilen der Welt jetzt Realität ist, macht das Ganze auch noch ein wenig leichter.

Weiterführende Links: http://www.hightech-strategie.de/